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07. September 2020
Romanistik
Auszug aus: Phonetik und Phonologie des Spanischen
Eine Reise durch die Klangwelt des Spanischen
Spanisch wird rund um die Welt gesprochen. (Abbildung unter Verwendung einer Grafik © Elissa Pustka / Barbara Veit)
Spanisch ist für schätzungsweise 442 Mio. Menschen ihre Erstsprache. Es wird in 31 Ländern gesprochen und ist damit die am zweithäufigsten gesprochene Sprache der Welt. Was die Zahl der Sprecherinnen und Sprecher betrifft, liegt Spanien unter den spanischsprachigen Ländern nur auf dem dritten Platz, hier leben ca. 10 % der Sprecherinnen und Sprecher. Das heißt 90% der Menschen mit Spanisch als Erstsprache leben in Hispanoamerika. Die Spanischsprecherinnen und -sprecher leben in Mexiko, gefolgt von Kolumbien.
Wegen seiner spezifischen Sprachgeschichte und des großen Verbreitungsgebietes ist das Spanische eine sogenannte „plurizentrische Sprache“. Es gibt also nicht die eine Standardsprache, sondern mehrere, und dementsprechend auch große Unterschiede in der Aussprache. Doch welche sind die Ursachen für diese Entwicklung und worin genau bestehen diese Unterschiede?
Diesen Fragen und vielen anderen geht Elissa Pustka in ihrem Buch Phonetik und Phonologie des Spanischen. Eine korpuslinguistische Einführung nach. Diese Einführung richtet sich an Studierende und erläutert ausgehend vom Deutschen die hispanophone Aussprachedidaktik. Online werden zahlreiche Sprachaufnahmen zur Verfügung stehen.
Lesen Sie hier einen Textauszug über die unterschiedlichen Varietäten des Spanischen:
Trotz dieser enormen Anzahl an Sprecher*innen auf einem extrem großen Verbreitungsgebiet können sich Spanisch-Sprecher*innen aus allen Ländern der Welt in der Regel ohne Probleme verstehen. Allerdings ist das Spanische wie andere Weltsprachen (z.B. Englisch, Französisch, Portugiesisch) auch eine plurizentrische Sprache . Es besitzt also nicht eine einzige korrekte Norm, sondern unterschiedliche. Welche sind dies? Dazu liefert die Sprachwissenschaft unterschiedliche Antworten: Im spanischsprachigen Diskurs gilt die habla culta der gebildeten Schicht der jeweiligen Landeshauptstadt als die jeweilige nationale Norm. In der deutschsprachigen Romanistik wurde vorgeschlagen, diese zu einem „europäischen Standardspanischen und mindestens drei amerikanischen Großzonen-Standards“ zusammenzufassen: „Mexiko, Buenos Aires mit den La Plata-Staaten und ein Spanisch der Andenstaaten“ (Oesterreicher 2001: 310). Neuere perzeptionslinguistische Studien zeigen, dass die Aussprache der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá von vielen Sprecher*innen als besonders korrekt eingestuft wird. In Spanien stellt sich aktuell die Frage, ob die Aussprache der heutigen spanischen Hauptstadt Madrid als vorbildlich gilt oder eher die des ca. 200 km entfernten Valladolid (ca. 300 000 Einwohner), der früheren Hauptstadt des Königsreichs Kastilien. Trotz dieser unterschiedlichen Normen besteht derzeit aber keine Gefahr, dass das Spanische in unterschiedliche Sprachen auseinanderbricht, wie dies einst mit dem gesprochenen Latein in die romanischen Sprachen geschehen ist. Für die Zukunft kann dieses aber auch nicht ausgeschlossen werden, denn Sprecher*innen ist nicht nur die Verständigung wichtig, sondern auch der Ausdruck einer (u.a. lokalen, nationalen und regionalen) Identität. […]
Da ein kompletter Überblick über die spanischen Varietäten kaum möglich ist und den Rahmen dieses Einführungsbuchs sprengen würde, behandelt dieses Kapitel exemplarisch je fünf Varietäten Spaniens und Hispanoamerikas. Angesichts der Sprecher*innen-Zahlen bedeutet dies eine deutlich überproportionale Behandlung des europäischen Spanisch. Dies ist jedoch sinnvoll, da die Sprache in der Alten Romania stärker variiert als in der Neuen Romania .
Auszug aus: Contact, variation and change
26.05.2020
 
Haben Sie auch schon einmal überlegt, ob es Büffet, Buffet oder Büfett heißt oder ob man Bukett oder Bouquet schreibt? Und wie man diese Wörter ausspricht? Bei Lehnwörtern aus dem Französischen ist das ja nicht immer eindeutig. Hingegen sind wir uns relativ sicher, wie wir Bulette, Serviette und Zigarette schreiben und sprechen. mehr …
In Spanien behandeln wir exemplarisch die Hauptstadt Madrid, das Spanische im Kontakt mit zwei romanischen Regionalsprachen (Katalanisch und Galicisch) sowie das Andalusische, das durch Migration bei der Reconquista entstanden ist und als Brücke zum hispanoamerikanischen Spanisch gilt. In Hispanoamerika ist die Auswahl auf folgende Länder gefallen: Kuba mit der Varietät, die die Brücke zu Europa herstellt (da Kuba die längste Zeit eine spanische Kolonie war), Mexiko als das Land mit den meisten Sprecher*innen und den Einfluss der großen indigenen Sprachen Nahuatl und Maya, Peru für den Einfluss des Quechua auf das Andenspanische und schließlich Argentinien mit der Varietät, die sich am meisten von Spanien wegentwickelt hat. Die Sprachaufnahmen stammen aus den Hauptstädten oder anderen großen Städten und repräsentieren daher eher den Standard der jeweiligen Gebiete. Die gewählte Einteilung nach Ländern entspricht dem Sprachbewusstsein der Sprecher*innen, oft aber nicht der regionalen Verteilung der Merkmale und ihrer historischen Erklärung. Daher werden wir zu Beginn erst einmal auf die allgemeinen Unterschiede zwischen Spanien und Hispanomerika sowie innerhalb Hispanoamerikas auf Hochland ( tierras altas ) vs. Tiefland ( tierras bajas ) eingehen. Innerhalb der Länder und Regionen sind manchmal auch kleinräumigere Unterscheidungen nötig, insbesondere bei Mexiko (vgl. Kapitel 11.2.2) und Peru (vgl. Kapitel 11.2.3). […]

Spanien
Der Ursprung des Spanischen liegt in Nordspanien. Nachdem die Araber 711 über Gibraltar auf die Iberische Halbinsel gelangten und diese eroberten ( Al-Andalus ), wurden sie 722 in Covadonga (Asturien) erstmals besiegt, und von dort aus begann die Rückeroberung ( Reconquista ). Damit sind nur die nördlichsten Varietäten der Iberischen Halbinsel direkte Nachfahren des Vulgärlateins und nur dort sind die Unterschiede zwischen den sog. primären Dialekten (Asturisch-Leonesisch, Navarro-Aragonesisch) so groß wie beispielsweise in Italien. Aus dem primären Dialekt des Kastilischen ist die spanische Stan-dardsprache entstanden.
Die übrige Sprach- und Varietätenlandschaft der Iberischen Halbinsel ist durch die Migration von Norden nach Süden geprägt: Ganz im Westen breitete sich das Galicische aus; heute spricht man Portugiesisch in Portugal und Galicisch als Regionalsprache in Spanien. Ganz im Osten besitzt das Katalanische ein ebenfalls langgestrecktes Verbreitungsgebiet. In der Mitte breitete sich zunächst vom Königreich Asturien, dann León und dann Kastilien das Spanische im ganzen Land aus. Durch die Migration und die damit verbundene Koineisierung (‚Mischung‘ der Varietäten) sind hier die regionalen Unterschiede viel geringer. Am längsten stand Andalusien unter arabischer Herrschaft, was seine heutige Sonderstellung in der Varietätenlandschaft erklärt. Solche Migrationsvarietäten nennt man auch sekundäre Dialekte .
In Galicien, im Baskenland und in den katalanischsprachigen Gebieten hat sich ein Regionalspanisch auf Basis des L2-Spanischen der Sprecher*innen der Regionalsprachen herausgebildet. Wenn sich durch solchen Sprachkontakt zwischen Standardsprache und Regionalsprachen neue Varietäten entstehen, spricht man von tertiären Dialekten .
Aus diesen historischen Gründen, die die Unterschiede in der spanischen Aussprache erklären, behandeln wir in diesem Kapitel folgende Auswahl an Regionen: Kastilien mit Sprachmaterial aus Madrid, Andalusien am Beispiel Sevilla, die katalanischsprachigen Gebiete am Beispiel Ciutadella de Menorca und Galicien am Beispiel Santiago de Compostela.

Kastilien (Madrid)
Die spanische Hauptstadt Madrid mit ihren ca. 3 200 000 Einwohnern ist ein melting pot , in dem Migrant*innen aus Spanien und der ganzen Welt aufeinandertreffen. Daher sehen viele die Norm der spanischen Aussprache z.T. auch eher im 200 Kilometer entfernten Valladolid, das als repräsentativer für Kastilien gilt. Die exemplarische FEC-Sprecherin für diese Region, deren Aufnahmen auf der Website des Erich Schmidt Verlags zum Download zur Verfügung stehen [werden], ist eine 1979 geborene Straßenbauingenieurin.
Die Aussprache in Madrid zeichnet sich durch die Phonemopposition /s/ : /θ/ aus. Unsere Sprecherin realisiert dementsprechend das Minimalpaar la casa [laˈkasa] ‘das Haus’ vs. la caza [laˈkaθa] ‘die Jagd’. Daneben finden sich aber auch zahlreiche weitere Okkurrenzen von /θ/ in der Wortliste, für das Gra-phem <c> etwa in iceberg, gracias und ración, für <z> in paz.
Dagegen ist die Phonemopposition /ʝ/ : /ʎ/ zu Gunsten von /ʝ/ neutralisiert ( yeísmo ). Entsprechend finden sich bei unserer Madrider Sprecherin die Realisierungen un yunque [unˈɟ͡ʝuŋke] ‘ein Amboss’ und llave [ˈɟ͡ʝaβ̞e] ‘Schlüssel’ in der Wortliste (vgl. Kapitel 9.3). In ländlichen Gegenden Kastiliens dagegen ist /ʝ/ : /ʎ/ erhalten (lleísmo).
Der Schibboleth des Spanischen Kastiliens (v.a. Madrids) ist die jota castel-lana : Hier wird die Realisierung des /x/ z.T. als besonders stark, z.T. als nach hinten verlagert beschrieben und mit dem Symbol [χ] für den uvularen stimmlosen Frikativ transkribiert (vgl. Kapitel 10.2). Unsere Sprecherin liefert dafür die Belege jinete [χiˈnete] ‘Reiter’ und juzgar [χusˈɣ˕aɾ] ‘beurteilen’.
Typisch ist auch die Realisierung von finalem /d/ als [θ] bzw. seine Elision . So realisiert unsere Sprecherin im Interviewausschnitt unten Madrid sowohl als [maˈdɾiθ] als auch als [maˈdɾi] – und zwar im selben prosodischen Kontexte (am Phrasenende). Es handelt sich dabei um eine Folge von Schwächungsprozessen: Der stimmhafte Plosiv /d/ schwächt sich zum Frikativ [ð] ab und anschließend vor Pause zu [θ] (Auslautverhärtung) bzw. wird sogar ganz elidiert (vgl. Kapitel 10.1).
Daneben findet auch eine Elision von intervokalischem /d/ statt, v.a. in Partizipien und insbesondere in denen auf -ado , z.B. cantado [kanˈtao] (vgl. Kapitel 10.1). Dieses Merkmal ist der FEC-Sprecherin wohl bewusst. Sie sagt im Interview sogar explizit: „en vez de decir, mm, algo, un participio que acaba en ‘-ado’ pues, ehh, supuestamente los madrileños decimos [ao]“ (s.u.). Sie selbst spricht in der Textlektüre jubilado ‘im Ruhestand’ und preocupado ‘besorgt’ und im Interview suavizado mit [ð̞] aus, peinado aber mit Elision als [pejˈnao] ‘Frisur’.
In Madrid kann es zudem zur Velarisierung von finalem /n/ zu [ŋ] kommen. Allerdings liefert unsere Sprecherin in der Wortliste hierfür nur ein Beispiel: plan [plaŋ] statt [plan] ‘Plan’.
Wenn Sie neugierig geworden sind und mehr über die Varietäten oder auch zu Prosodie und Graphematik erfahren möchten, empfehlen wir Ihnen Elissa Pustkas Buch Phonetik und Phonologie des Spanischen. Eine korpuslinguistische Einführung , welches voraussichtlich im Oktober 2020 erscheinen wird.
Zur Autorin
Dr. Elissa Pustka ist Professorin für romanische Sprach- und Kommunikationswissenschaft an der Universität Wien. Sie lehrt und forscht seit fast 20 Jahren zur Phonetik und Phonologie. Ihr Schwerpunkt liegt auf der empirischen Dokumentation der Aussprache auf Basis von Sprachkorpora sowie ihrer theoretischen Erklärung im Rahmen der Kognitiven Phonologie.
 
Phonetik u nd Phono logie d es Spanischen
von Prof. Dr. Elissa Pustka
Auf dem Papier sieht das Spanische überall sehr ähnlich aus – es hört sich aber ganz anders an, ob jemand von der kubanischen Küste, aus dem pulsierenden Sevilla oder einem Dorf in den Anden kommt. Diese erste sprechende Einführung in die spanische Phonetik und Phonologie lädt auf eine spannende Reise durch die Klangwelt der Hispanophonie ein. Anhand zahlreicher Sprachaufnahmen aus dem Korpusprojekt (Inter-)Fonología del Español Contemporáneo (I)FEC vermittelt sie, welche Laute das Spanische besitzt und wie diese in verschiedenen sprachlichen und außersprachlichen Umgebungen variieren.
Das Buch erklärt Variation und Wandel im theoretischen Rahmen der Kognitiven Phonologie. Damit ordnet es Varianten von Phonemen in Netzwerke um Prototypen ein, begreift diese Variation als Resultat von natürlichen Schwächungs- und Stärkungsprozessen und unterstreicht die Bedeutung von Wörtern und Wortgruppen für die Phonologie. Angepasst an die Bedürfnisse der Lernenden und (künftigen) Lehrenden geht es von der L1 Deutsch und der Orthographie des Spanischen aus und behandelt ausführlich die Aussprachedidaktik. Mit den Übungen – inklusive Musterlösungen – können sich Studierende selbständig auf eine Seminar- und Abschlussarbeit im Bereich der Korpusphonologie vorbereiten.
(LH)
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