-- WEBONDISK OK --
search
add
Die Contentplattform
Wissen auf einen Klick
15. Oktober 2020
Romanistik
Auszug aus: Der Raum als poetologische Kategorie
„Destabilisierungen, die den Raum, die Welt und das Selbstverständnis des Menschen betreffen“
Räume und Möglichkeiten, diese zu gestalten, gibt es viele – auch in der Literatur (Foto: Pixabay – Pierre Blaché).
Mit dem Buch „Der Raum als poetologische Kategorie im italienischen Roman von Verga bis Pasolini“ lädt Dr. Julia Moldovan ihre Leserinnen und Leser ein, mit ihr zusammen den Raum in literarischen Texten zu erforschen. Moldovan analysiert, wie sich der Raum jeweils konstruiert und welche Funktionen ihm bei der inhaltlichen, semantischen, ästhetischen, narrativen und diskursiven Sinnstiftung zukommen.
Die untersuchten Texte des 19. und 20. Jahrhunderts – u. a. von Capuana, Pirandello, Vittorini und Calvino – lassen sich mit Verismus, Postverismus und Neorealismus unterschiedlichen literarischen und ästhetischen Kontexten zuordnen, sodass zudem zeitliche Entwicklungen deutlisch werden. Als zentral für die Analysen erweisen sich Foucaults Heterotopie sowie Lotmans Konzept der Grenze.
Lesen Sie im Folgenden einen Auszug aus der Einleitung , in welcher die Autorin die besondere Bedeutung des Raums für die analysierten Werke und deren Entstehungszeit klärt und ihre Forschungsfrage umreißt:
Der ‚poetologische Raum‘
Um eine umfassende und zugleich variable und offene Untersuchung der Relation von Raum und Literatur zu gewährleisten, die theoretische und literarische Aspekte gleichermaßen reflektiert, bietet sich die Kategorie des ,poetologischen Raumes‘ an. Ähnlich wie der Begriff des Raumes, der ausführlich in Kapitel 2 dieser Arbeit erörtert wird, entzieht sich der Terminus ,Poetologie‘ einer eindeutigen Definition. Erschwerend kommt hinzu, dass er bis heute nicht ausreichend lemmatisiert ist. ,Poetik‘ und ,Poetologie‘ werden im fachsprachlichen Bereich meist synonym verwendet und zeichnen sich durch ein hohes Maß an Vieldeutigkeit aus. Während ,Poetik‘ im weitesten Sinne die Theorie der Literatur bzw. Poetik ist, bezeichnet ,Poetologie‘ die theoretische Auseinandersetzung mit der „Herstellung von ,Poetizität‘ in Texten.“ Es geht demnach um die Frage, was die Besonderheiten der poetischen bzw. literarischen Sprache und ihres Gebrauchs sind.
Bei aller terminologischen Unschärfe lässt sich festhalten, dass die literarische Produktionsästhetik und Verfahren der Textgestaltung in den Vordergrund treten. Die Ambivalenzen und Mehrdeutigkeiten erschweren zwar eindeutige Definitionen, zeugen jedoch – konstruktiv gewendet – von der Flexibilität und besonderen Anschlussfähigkeit des Begriffs. Das Konzept des ,poetologischen Raumes‘ stellt eine offene Analysekategorie dar, die es erlaubt, verschiedene Ebenen der literarischen und literaturtheoretischen Auseinandersetzung mit dem Raum zu verknüpfen und in ihrer Relation sowie Komplexität zu untersuchen. Denn der Raum als ,poetologische Kategorie‘ hat eine doppelte Ausrichtung: Auf raum- und literaturtheoretischer Ebene dient er dazu, theoretische und poetologische Schriften und Manifeste zu untersuchen und danach zu fragen, welche Rolle der Raum darin einnimmt und was seine Funktion innerhalb der Ästhetik der Autoren ist. Es sollen Schreibweisen, Prinzipien und Verfahren der Raumkonstitution beleuchtet werden.
Hierbei stellt sich die Frage, inwiefern der Raum als selbstreflexive Kategorie wirkt, die Aufschluss über literarische Verfahrensweisen der Raumsemantisierung zu geben vermag. In Bezug auf die Primärliteratur wird der Raum als ,poetologische Kategorie‘ dazu herangezogen, um die Relation von räumlicher und literarischer Konstitution zu untersuchen und mit dem Raum korrelierte Verfahren der diskursiven, narrativen und ästhetischen Sinnstiftung zu analysieren.
Nachgefragt bei PD Dr. Pia Claudia Doering
09.07.2020
 
Mit seiner Rahmenhandlung der Pest, die 1348 Florenz heimsucht, erfreut sich Boccaccios „Decameron“ angesichts der Corona-Pandemie besonderen Interesses. Während in unserer Gegenwart die Maßnahmen zur Eindämmung des Virus häufig Anlass zu rechtlichen Fragen und Klagen geben, beschäftigen sich die Novellen des „Decameron“ vorwiegend mit Themen, welche es den erzählenden Figuren erlauben, sich von dem Wüten der Pest abzulenken. mehr …
Die analysierten Romane
Das Korpus besteht aus acht italienischen Romanen, die nach aktuellem Forschungsstand in der vorliegenden Zusammenstellung und unter meiner Fragestellung noch nicht untersucht worden sind. Die Romane wurden in der Zeitspanne von 1881 bis 1955 veröffentlicht, was in etwa dem historischen Abschnitt zwischen dem bereits abgeschlossenem Risorgimento (1871), den sich anschließend abzeichnenden wirtschaftlichen sowie gesellschaftlichen Problemen vor allem in Süditalien und dem ersten Jahrzehnt nach Ende des Zweiten Weltkriegs entspricht. Behandelt werden Giovanni Vergas I Malavoglia (1881), Luigi Capuanas Il marchese di Roccaverdina (1901), Luigi Pirandellos Romane Il fu Mattia Pascal (1904), Quaderni di Serafino Gubbio operatore (1915/1925) und Uno, nessuno e centomila (1926) sowie Elio Vittorinis Conversazione in Sicilia (1941), Italo Calvinos Il sentiero dei nidi di ragno (1947) und Pier Paolo Pasolinis Ragazzi di vita (1955). [...]
Räumlicher und sozialer Ausschluss
Für die Zusammenstellung des Korpus waren mehrere Aspekte ausschlaggebend. Es handelt sich um Romane, in denen das Thema des Raumes eine starke Präsenz zeigt. Mit Meer, Bergen, Wald, Stadt, Land, Dorf, Platz, Schloss, Haus, Fenster, Straße, Vorort, Gefängnis, Spiegel, Casino, Bibliothek, Friedhof, Obdachlosenasyl u. a. werden zugleich mannigfache und differenzierte Topologien entworfen. Da die Romane in verschiedenen Teilen Italiens spielen und der Norden (Calvino, Vittorini, Pirandello), der Süden (Capuana, Verga) und die Hauptstadt (Pirandello, Pasolini) vorkommen, ist Italien in seiner Gesamtheit vertreten. Durch mobile Räume wie beispielsweise den Zug und die Kutsche werden die einzelnen Räume miteinander verbunden und in Bewegung gebracht. Für die Auswahl war außerdem entscheidend, dass in allen Romanen Figuren behandelt werden, die eine Randstellung einnehmen, der gesellschaftlichen Exklusion unterstehen und Ausgeschlossene sind, sogenannte esclusi . Eine leitende Frage wird daher sein, ob und wie räumlicher und sozialer Ausschluss in Relation zueinander stehen. Foucaults Konzept der Heterotopie, das Klass „ein Jenseits der gegebenen Ordnung“ nennt, bietet hier Anknüpfungspunkte. Die Beschreibung legt nahe, dass der Heterotopie das Abseitige inhärent ist. Bedeutsam ist, dass sich einige der Protagonisten als Erzähler ihrer Geschichte und als schreibende Subjekte konstituieren, wobei das Schreiben zu einer Fluchtbewegung wird und Unterschlupf vor der negativen Welt, die das Subjekt ausschließt, bietet oder bieten soll. In Frage steht darum, ob Räume der Schrift Obdach und Rettung gewähren können. […]
Die Unsicherheit des Subjekts
Um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert löst sich das zuvor noch fest bestehende Gefühl der Selbstsicherheit zunehmend auf und es kommt ab dem 20. Jahrhundert zu einer allgemein wachsenden Problematisierung der ganzheitlichen Darstellbarkeit des Subjekts und dessen gesellschaftlicher Wirklichkeit. Entscheidende Impulse für den Perspektivwechsel kommen mit Einsteins Relativitätstheorie und Plancks Quantenmechanik aus der Physik. Die sich ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelnde Psychologie trägt zu dem Wandel bei, der Klinkert zufolge durch Freuds psychoanalytische Theorien weiter befördert wurde. Ausgelöst durch die umfassenden Umbrüche ergeben sich zeitversetzt in anderen Bereichen tiefgreifende Veränderungen und Erneuerungen, die unmittelbar mit dem Raum in Bezug stehen. Diese entstehen etwa mit dem Bruch von Courbets realistischem Raum durch die Impressionisten und Cézanne in der Malerei, mit Debussys ,impressionistischem‘ Klangraum in der Musik und mit dem Erstarken von Nationalsozialismus sowie Faschismus und mit dem Risorgimento, dem Erstem und Zweitem Weltkrieg in der Geschichte.
Destabilisierung in Literatur und Leben?
Wenn die […] These stimmt, dass Literatur auf historische Veränderungen und Umwälzungen reagiert, wenn die Überzeugung einer einheitlichen Wirklichkeit wegbricht und es zur Revision eines abschließenden Weltbildes kommt, dann muss dies im literarischen Text spürbar werden. Die Destabilisierungen, die den Raum, die Welt und das Selbstverständnis des Menschen betreffen, müssen Auswirkungen auf die literarische Raumdarstellung haben. Daher ist eine zentrale Ausgangshypothese dieser Arbeit, dass der Raum und dessen Kategorie per se in den Romanen infrage gestellt, aufgebrochen und reorganisiert werden.
Es wird von der Prämisse ausgegangen, dass die Verabschiedung des naturalistischen und positivistischen Modells zum Ende des 19. Jahrhunderts sowohl Auswirkungen auf die Subjektdarstellung im Text als auch auf die Raumkonstitution hat. Hierbei vertrete ich die These, dass der ,objektive‘, maßgeblich an Wahrscheinlichkeit und Realität orientierte Raum, wie ihn der Naturalismus postuliert, zunehmend eine Umstrukturierung und Heterogenisierung erfährt. Es kommt zu einer tendenziellen Verschiebung in Richtung abstrakter, individualisierter und imaginierter Räume, was zur Folge hat, dass der Raum selbst aufbricht und die Mittel und die Art seiner Darstellung modifiziert und erweitert werden. Es wird zu klären sein, ob der offene, heterogene und instabil werdende Raum als Metapher für die Welt, das in Unruhe geratene und mit Heidegger gesprochen unbehauste, sich selbst überantwortete Subjekt gelten kann.
Wenn Sie erfahren möchten, ob und wie sich diese These an den acht untersuchten Romanen bewahrheitet und auf welche Weise Foucaults und Lotmans Raumkonzepte in die Texte hineinspielen, ist Der Raum als poetologische Kategorie im italienischen Roman von Verga bis Pasolini das Richtige für Sie!
Zur Autorin
Julia Moldovan studierte Italienische Philologie, Romanistik und Neuere deutsche Literatur in Freiburg, München, Bologna und Cluj-Napoca/Rumänien. Ihr Magisterstudium schloss sie 2011 mit einer Arbeit zu Pirandellos Romanen ab. 2014–2019 war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Romanistische Literatur- und Kulturwissenschaft an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, wo sie 2019 promoviert wurde. Aktuell arbeitet sie als Postdoc im DFG-Projekt „Lazarus – Literarische Latenzen in romanischen Literaturen des 20. Jahrhunderts“ (italienisches Teilprojekt).
 
Foucault stellt die These auf, dass sich im Übergang vom 19. zum 20. Jahrhundert eine Wende vom Zeit- zum Raumdenken vollzieht. Davon ausgehend wird in dieser Arbeit untersucht, welche ästhetische Funktion dem Raum im italienischen Roman des späten 19. und des 20. Jahrhunderts zukommt. Hierbei wird der Frage nachgegangen, wie sich Raum im literarischen Text konstituiert und in welcher Relation er zu Inhalt, Figuren und Erzählebenen steht.
Die Analyse ausgewählter Werke von Verga, Capuana, Pirandello, Vittorini, Calvino und Pasolini illustriert, dass durch Raumkonstellationen zentrale Themen wie Macht, Repression, Gesellschaft oder geschichtliche Umbrüche (Risorgimento, Zweiter Weltkrieg) verhandelt werden. Lotmans Konzept der Grenze und Foucaults Heterotopien helfen, heterogene und ambivalente Räume in den Romanen zu analysieren. Eine besondere Rolle spielen ,metapoetische Räume‘, die durch Intertextualität, Autoreflexivität, Selbstreferentialität und mehrdeutige Raummetaphern entstehen.
(MD)
ESV-Redaktion Philologie
ESV-Digital Arbeitssicherheit
Jahresabonnement (Einzellizenz)
EUR (D) 4,95
Nettopreis pro Monat
Bitte wechseln Sie auf eine breitere Darstellung.
Für optimale Übersichtlichkeit ist die Darstellung von ESV-Digital auf breitere Anzeigen beschränkt.