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12. November 2020
Germanistik und Komparatistik
Auszug aus: Helden und Verbrecher
Nibelungische Helden im Deutungskonflikt
Das Bild trügt: Helden (und Heldinnen!) können sich auch durch andere Fähigkeiten als kriegerische Überlegenheit auszeichnen (Foto: Pixabay – Mohamed Hassan).
Heldinnen und Helden kennen wir von klein auf, sie begegnen uns in Comics, im Fernsehen, in der Faschingszeit und mit etwas Glück auch im echten Leben. Dieser augenscheinlich klare Begriff entzieht sich jedoch einer eindeutigen Definition, überschreiten Heldinnen und Helden in ihrer Großartigkeit doch oftmals nicht nur das normale Maß, sondern auch Normen und Gesetze.
Diesem Problem und den zahlreichen widerstreitenden Definitionen von Heldentum widmet sich Dr. Katharina Prinz in ihrem Buch „Helden und Verbrecher“ . Darin nähert sie sich dem Heldenbegriff über die Untersuchung von Wert- und Normphänomenen an. Die erarbeiteten Analysekriterien werden schließlich genutzt, um einer Interpretationsschwierigkeit des mittelhochdeutschen „Nibelungenlieds“ beizukommen, die in der Forschung zu anhaltenden Kontroversen führt.
Worin diese Schwierigkeit besteht und wie sie zu lösen sein könnte, erfahren Sie im folgenden Auszug:
Wertungsambivalenzen in Nibelungenlied und Nibelungenforschung
Was hat es nun mit dem Problem der Bewertung des vom Nibelungenlied Erzählten auf sich, von dem das Erkenntnisinteresse der folgenden Kapitel seinen Ausgang nimmt? Auf es gestoßen wird man zunächst durch seine auffällige Symptomatik : Die ideologischen Vereinnahmungen, die das Epos im Laufe seiner Rezeptionsgeschichte erfahren hat, gehören ebenso hierher wie die enorme Anzahl an literaturwissenschaftlichen Interpretationen zum Nibelungenlied , die sich prima facie als inkompatibel erweisen. Der eigentliche Kern des Problems besteht aber darin, dass die Wertungsangebote, die die Textfassung *B des Nibelungenlieds selbst macht, allem Anschein nach nicht konsistent sind.
Bis in die Gegenwart hinein hat dieser Textbefund für Kontroversen in der Nibelungenforschung gesorgt, zuletzt am profiliertesten zwischen Joachim Heinzle und Jan-Dirk Müller, die beide insbesondere mit ihren Gesamtdarstellungen zum Nibelungenlied wesentlichen Einfluss auf die jüngere Forschungsgeschichte genommen haben.
Textuelle Wert- und Normphänomene als Streitgegenstand der Nibelungenforschung
Angesichts langjähriger Bemühungen der Nibelungenforschung, ‚Unstimmigkeiten‘ zwischen den textuell vergebenen Informationen gerade auch der evaluativen Art auf interpretativem Wege verstehbar zu machen, weist Heinzle eben diesen Problemlösungsweg als historisch inadäquat zurück: Bereits die Voraussetzung der Interpretierbarkeit der betreffenden textuellen ‚Unstimmigkeiten‘ sei insofern grundsätzlich verfehlt, als es sich bei ihnen tatsächlich um Symptome für das Scheitern des Versuchs handele, die heterogenen Elemente der Sagenüberlieferung zu einem großepischen Format zu integrieren.
Was Heinzle somit als textgenetisch zu erklärende Defizite der kompositionellen Anlage des Epentextes betrachtet, vor denen jede interpretative Sinnzuschreibung Halt machen sollte, wird von Müller in pointiertem Gegensatz dazu gerade als Konsequenz eines poetologischen Prinzips des Textes interpretiert. Dieses bestehe genau darin, dass „die Voraussetzungen, auf denen der Text aufbaut, die Welt, die er erzählend entwirft, und die Werte und Normen, die er propagiert, in unaufhebbare Aporien geführt, subvertiert und der Zerstörung preisgegeben werden –“ und zwar ohne, dass das Epos „einen festen Standpunkt“ der Bewertung etabliere: Es „spielt die konträren Positionen durch, offen, was letztgültige Bewertungen betrifft, zielstrebig nur auf das absolute Ende hin steuernd“. Letzten Endes verweigere das Epos jede Art der Sinnstiftung, indem es das Erzählte in einem Zustand der „Anomie“ und des „Chaos“ enden lasse, der Resultat eines letztlich unerklärbaren Prozesses der wechselseitigen Auslöschung aller antagonistischen Größen der erzählten Welt sei.
Mediävistik näher bringen
18.11.2019
 
Das Mittelalter stellt für viele eine fremde, scheinbar weit entfernte Epoche dar – auch für einen Großteil der heutigen Germanistikstudierenden. Im schulischen Deutschunterricht hat die Literatur des Mittelalters in aller Regel keinen Platz, sodass viele Studierende mit einer für sie ganz neuen literarischen Kultur konfrontiert werden. mehr …
So überzeugend die in Kapitel 4.2.1.1 zu diskutierenden Gründe auch sind, die Müller im Namen der Interpretierbarkeit des Nibelungenlieds gegen Heinzles Vorschlag zur Lösung des textimmanenten Wertungsproblems anführt, – in jeder Hinsicht befriedigen kann auch sein eigener Lösungsvorschlag nicht. Denn in der dezidierten Zurückweisung der Frage nach dem ‚einen Sinn‘ oder ‚der Botschaft‘ des Nibelungenlieds , die Müller letztlich auch Heinzle als leitende Idee unterstellt, tendiert Müller seinerseits dazu, die ‚Brüchigkeit‘ des Textes, das Heterogene und Ambivalente von Was und Wie des nibelungischen Erzählens im Namen dessen eindeutig zu prämieren, was er die „Dekonstruktionsarbeit“ des Textes nennt. Nicht immer konsequent genug wird demgegenüber jene Frage explizit erwogen, die Müller selbst ins Feld führt, um auf anachronistische Kohärenz-Erwartungen bei Heinzle und im Rest der Nibelungenforschung aufmerksam zu machen: inwiefern es sich bei dem, was der neuzeitliche Philologe als ‚Brüche‘ im Text wahrnimmt, auch „tatsächlich um Inkonsistenzen und Widersprüche handelt“.
Auf Müllers eigene Interpretation angewandt, stellt sich diese Frage nicht zuletzt in Bezug auf die These vom standpunktlosen ‚offenen‘ Ende des Textes, in dem es zur finalen Auflösung sogar der im Text etablierten Werte und Normen komme: Sind hier tatsächlich gänzlich heterogene Werte und Normen im Spiel, die sich wechselseitig vollständig außer Kraft setzen? Läuft dieser Prozess tatsächlich in der Weise ab, dass sich „meist nur sagen [lässt] ‚so war es, so erzählt es der Epiker‘, nicht aber ‚deshalb war es so‘“? Und endet dieser Prozess tatsächlich im Nichts, insofern die erzählte Welt in Chaos und Anomie versinkt und das Erzählte von keinem übergeordneten Standpunkt aus eine Sinnstiftung erfährt?
Auswege aus der Forschungskontroverse
Um ein stabiles Fundament zu haben, auf dem diese basalen Fragen der Textinterpretation diskutiert werden können, wird es zunächst einmal nötig sein, genau zu bestimmen, worin jenes Wertungsproblem eigentlich besteht, das die Textfassung *B des Nibelungenlieds aufwirft. Indem sich Kapitel 4 zu diesem Zweck der Ergebnisse einer wert- und normtheoretisch fundierten Textanalyse bedient, baut es bereits in der Problemdiagnose auf anderen Voraussetzungen auf als Müller oder Heinzle. Ohne zu leugnen, dass das Nibelungenlied prima facie kaum miteinander zu vereinbarende Wertungen enthält, vertritt Kapitel 4 die These, dass zumindest wesentliche Teile dieser heterogenen textuellen Wertungsphänomene genau besehen keineswegs so unverbunden nebeneinanderstehen, wie Heinzle und Müller aus unterschiedlichen Gründen annehmen. Insofern distanziert sich Kapitel 4 auch von Müllers Auffassung, dass der Epentext am Ende die heterogenen Werte und Normen rest- und ergebnislos gegeneinander ausspiele. Vielmehr wird die Argumentation darauf hinauslaufen, zwischen den fraglichen Wert- und Normphänomenen ein wechselseitiges Abhängigkeitsverhältnis etwa von der Art anzusetzen, wie es zwischen den zwei Seiten einer Medaille besteht: Die eine gibt es nicht ohne die andere, aber welche von ihnen zu sehen ist, hängt von den jeweiligen Kontextbedingungen ab. Es ist eben das Zweiwertige, Doppeldeutige, Ambivalente der betrachteten Textphänomene, das hier als Symptom ein und derselben Grundproblematik verstanden und aus der konstitutiven Anlage des Helden heraus erklärt wird.
Zur Autorin
Dr. Katharina Prinz studierte Germanistik, Philosophie und Soziologie an den Universitäten Hamburg und Göttingen und war anschließend Lehrbeauftragte und wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Alt- und Neugermanistik (Göttingen) und wissenschaftliche Mitarbeiterin im Akademie-Projekt „Gelehrte Journale und Zeitungen im Zeitalter der Aufklärung“ (Göttingen).
Ihre Arbeitsschwerpunkte sind u. a. Literatur um 1200, Literatur und Philosophie um 1800, Wert- und Normtheorie sowie die Figur des Helden.
 
Helden und Verbrecher
von Katharina Prinz
Wert- und Normphänomene prägen nicht nur unser alltägliches Leben, sondern spielen auch in der Literatur und Literaturinterpretation eine zentrale Rolle. Gleichwohl besteht disziplinübergreifend ein Mangel an ausgearbeiteten Vorschlägen zur begrifflichen Bestimmung und systematischen Analyse dieser Phänomene. Welche Schwierigkeiten der Forschung daraus erwachsen, zeigt die Arbeit exemplarisch an der prominenten Kontroverse um den Begriff des Helden und um die Interpretierbarkeit des Nibelungenlieds auf.
Begegnet wird diesen Forschungsdesideraten, indem die Arbeit ein Instrumentarium zur systematischen Wert- und Normanalyse entwickelt, hieraus ein Raster heuristischer Fragen zur wert- und normbezogenen Textanalyse generiert und es an Analysen zum Nibelungenlied und zu Schillers Verbrecher aus verlorener Ehre erprobt. Heldentum wird auf dieser wert- und normtheoretischen Basis als ambivalentes Devianzphänomen bestimmbar und die Kontroverse um das Nibelungenlied mithilfe der gewonnenen Analysekategorien neu beleuchtet.
(ESV/MD)
ESV-Redaktion Philologie
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