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07. Dezember 2020
Romanistik
Nachgefragt bei: Prof. Dr. Elissa Pustka
Ein „sprechendes“ Lehrbuch
Dr. Elissa Pustka ist Professorin für Romanische Sprach- und Kommunikationswissenschaft an der Universität Wien (Foto: privat).
Elissa Pustkas Band Phonetik und Phonologie des Spanischen ist eine korpuslinugistische Einführung in die spanische (Aus-)Sprache und ihre zahlreichen Varietäten.
Die Einführung erläutert nicht nur die unterschiedlichen Variationen des Spanischen und ihre sprachlichen Besonderheiten. Zusätzlich tragen zahlreiche Übungen tragen dazu bei, das theoretische Wissen zu festigen.
Aber was versteht man eigentlich unter dem Begriff „Korpuslinguistik“? Und was genau ist mit „Varietäten“ gemeint? Diese und viele weitere Fragen beantwortet uns die Autorin im Interview:
Liebe Frau Pustka, zehn Jahre nach Ihrer Einführung in die Phonetik und Phonologie des Französischen haben Sie nun auch eine Einführung in die Phonetik und Phonologie des Spanischen geschrieben. Auch wenn sich sicher einiges von der einen auf die andere Sprache übertragen lässt, haben Sie für die spanische Einführung einen etwas veränderten Ansatz gewählt – mit Schwerpunkt auf der Korpuslinguistik. Nun ist wahrscheinlich nicht jeder oder jede mit diesem Begriff vertraut: Was verbirgt sich hinter der „Korpuslinguistik“? In welcher Weise kann sie zu einem besseren Verständnis von Phonetik und Phonologie beitragen?
Korpuslinguistik ist mittlerweile eigentlich ganz normale Linguistik. Der Begriff ist entstanden, als viele Sprachwissenschaft noch im stillen Kämmerlein als „armchair linguistics“ betrieben haben. Neu war damals, dass man systematisch große Mengen von Sprachproduktionsdaten systematisch erhoben und ausgewertet hat. Heute ist die Linguistik ganz selbstverständlich eine empirische Wissenschaft, und Korpusdaten sind nicht nur für die Analyse der Sprachproduktion zu gebrauchen, sondern auch für Perzeptionstests oder in der Didaktik.
Der Begriff soll die Aufmerksamkeit darauf ziehen, dass es sich um eine ganz neue Art von Lehrbuch handelt: ein „sprechendes“ Lehrbuch. Daten des korpusphonologischen Forschungsprogramms „(Inter-)Fonología del Español Contemporáneo“ liefern viele Beispiele – nicht nur im Buch selbst, sondern auch auf der begleitenden Website des Erich Schmidt Verlags. Man kann sie sich dort direkt anhören, aber auch herunterladen, um im Kleinen einzuüben, wie korpusphonologische Forschung funktioniert. Dadurch, dass Studierende die Beispiele auch anhören können, verstehen sie besser, was mit den vielen theoretischen Konzepten der Phonologie gemeint ist. Sie erhalten gleichzeitig ein realistischeres Bild von der spanischen Sprache, denn man hört enorme Unterschiede zwischen den Regionen, den einzelnen Sprecher*innen und sogar jeder Realisierung ein und desselben Wortes.
Auszug aus: Phonetik und Phonologie des Spanischen
07.09.2020
 
Spanisch ist für schätzungsweise 442 Mio. Menschen ihre Erstsprache. Es wird in 31 Ländern gesprochen und ist damit die am zweithäufigsten gesprochene Sprache der Welt. Was die Zahl der Sprecherinnen und Sprecher betrifft, liegt Spanien unter den spanischsprachigen Ländern nur auf dem dritten Platz, hier leben ca. 10 % der Sprecherinnen und Sprecher. Das heißt 90% der Menschen mit Spanisch als Erstsprache leben in Hispanoamerika. Die Spanischsprecherinnen und -sprecher leben in Mexiko, gefolgt von Kolumbien. mehr …
Sehr aufschlussreich ist auch Ihre Ausführung zur Relevanz der Aussprache: Soziale und regionale Herkunft lassen sich meist aus dem Akzent ableiten, zudem kann er zu Sympathie und Antipathie einer Person gegenüber beitragen. Im Fall von Sprecher*innen, deren Muttersprache nicht Spanisch ist, bedeutet das oft: je besser die Aussprache in der Zielsprache ist, als desto intelligenter oder kulturell aufgeschlossener werden sie eingeschätzt. Zu welchen Aussprachefehlern neigen deutsche L1-Sprecher*innen im Spanischen denn besonders? Und wie kann man diese Schwierigkeiten überwinden?
Vielen Lernenden fällt das „Rollen“ des /r/ bekanntermaßen sehr schwer. Ich persönlich habe das – lange bevor ich Spanisch gelernt habe – als Kind aus Spaß so gelernt: Ich habe bei Spaziergängen stundenlang laut „ada“ vor mich hingesprochen und bin dabei immer schneller geworden. Zuerst haben sich einzelne Schläge, also Taps, ergeben; irgendwann wurden daraus auch mehrfache Schläge, die Trills. Im Buch schlage ich eine etwas komplexere Lehrsequenz vor. Gefunden habe ich diese im Artikel „Das ‘Bödetchen’ im Spanischunterricht. Mit Schülern das [r] ins Rollen bringen.“ von Henning Peppel (2017) in der Praxiszeitschrift „Der fremdsprachliche Unterricht. Spanisch“. Nach einer Phase der Kognitivierung sollen die Lernenden hier das /r/ im deutschen Zungenbrecher „Bruno kauft braune Brötchen und Bratheringe bei Barbara“ überall durch „öd“ ersetzen: „Böduno kauft bödaune Bödetchen und Bödatheringe bei Barbara.“ Das soll man dann immer schneller aussprechen: Aus dem „öd“ wird dann irgendwann ein „gerolltes“ /r/.
In Ihrer Einführung schreiben sie zudem, dass die Aussprache eng mit der eigenen Identität verknüpft ist, und daher Aussprache-Korrekturen im großen Plenum eher unangenehm sind. Hätten Sie einen Vorschlag, wie sich eine solche peinliche Situation in der Lehrpraxis – sei es in einer Klasse oder einem Sprachkurs an der Uni – vermeiden ließe, ohne dass der Fehler unkorrigiert bleibt?
Hier liefern die Smartphones ganz neue Möglichkeiten: Die Schüler*innen können sich entspannt und ungestört zu Hause selbst aufnehmen und den Lehrkräften dann ihre Aufnahmen schicken. Diese können die Aussprache so mehrmals in Ruhe anhören und ein sorgfältiges, fundiertes Feedback geben. Da dies bei großen Klassen aus Zeitgründen nicht häufig möglich ist, kann man dies auch durch Einzel- und Partnerarbeit ergänzen: Die Lernenden erhalten zum Beispiel zunächst einen Text zum Vorlesen und vergleichen ihre eigene Leseaussprache mit dem Modell eines native speaker . Sie üben dann das Lesen so lange, bis sie mit ihrer Aufnahme zufrieden sind. Anschließend tauschen zwei Schüler*innen ihre Aufnahmen aus, hören sich gegenseitig an, vergleichen die Aussprache des/der anderen mit dem Modell und geben sich peer to peer -Feedback. Danach können sie weiter üben. Dadurch werden die Lernenden für die Unterschiede zwischen richtiger und falscher Aussprache weiter sensibilisiert. Am Ende sollte aber immer die Lehrkraft und/oder ein*e Sprachassistent*in ein qualifiziertes Feedback geben.
In den abschließenden Kapiteln des Buchs geben sie einen umfassenden Überblick, welche Entwicklungstendenzen und Varietäten das Spanische aufweist, von Plosiven bis zu Vokalen und von Kastilien bis nach Argentinien. Könnten Sie für uns einmal grob umreißen, wodurch sich die Varietäten des Spanischen voneinander absetzen? Wie groß müssen die Unterschiede sein, damit Besonderheiten als eigene Varietät gelten?
Ganz grob lassen sich die Varietäten des Spanischen in zwei Gruppen aufteilen: die Tieflandgebiete ( tierras bajas ) und die Hochlandgebiete ( tierras altas ). Diese Unterscheidung gilt primär für Hispanoamerika, wo 90% der Sprecher*innen des Spanischen leben. Inwiefern diese Opposition auch Spanien prägt, ist Gegenstand aktueller Forschung. In jedem Fall besteht eine enge Verbindung des Spanischen Andalusiens zu dem der amerikanischen Küstengebiete, etwa bei der /s/-Schwächung.
Die Definition von Varietäten ist nicht einfach. Lange hat man versucht, allein auf Basis von Sprachproduktionsdaten nach in sich homogenen und untereinander klar abgegrenzten Einheiten zu suchen. Solche hat man aber nie in der Realität gefunden. In kognitiver Perspektive sucht man Varietäten heute daher in den Köpfen der Sprecher*innen: Welche Label gibt es ‘im Volksmund’ und welche Merkmale fallen den ganz normalen Menschen auf, wenn jemand spricht? Dabei sind Varietäten wie semantische Kategorien strukturiert: um Prototypen herum und mit fließenden Übergängen dazwischen. Die Vorstellungen der Laien sind dabei stark von politische Einheiten geprägt. Auch wenn sich die Akzente von Ciudad de México und Bogotá in vielen Punkten ähneln, würde man nicht zwei Hauptstadtvarietäten in einen Topf werfen.
Daher stellt das Buch die lautliche Variation des Spanischen komplementär aus zwei Perspektiven vor: In einem Kapitel gehen wir von den Merkmalen aus, im anderen von den Regionen. Auf diese Weise wird die Komplexität für Lernende verständlich und gleichzeitig in ihren vielfachen Verflechtungen deutlich.
Vielen Dank für das Interview!
Für alle, die neugierig geworden sind: Die Satzmelodie sowie die Aussprache einzelner Wörter in verschiedenen spanischen Varietäten können Sie sich ab Erscheinen des Buches Mitte Dezember unter https://Spanische-Korpusphonologie.ESV.info anhören. Die zugehörigen Erklärungen finden Sie in Elissa Pustkas Phonetik und Phonologie des Spanischen .
Zur Autorin
Dr. Elissa Pustka ist Professorin für romanische Sprach- und Kommunikationswissenschaft an der Universität Wien. Sie lehrt und forscht seit fast 20 Jahren zur Phonetik und Phonologie. Ihr Schwerpunkt liegt auf der empirischen Dokumentation der Aussprache auf Basis von Sprachkorpora sowie ihrer theoretischen Erklärung im Rahmen der Kognitiven Phonologie.
 
Phonetik und Phonologie des Spanischen
von Prof. Dr. Elissa Pustka
Auf dem Papier sieht das Spanische überall sehr ähnlich aus – es hört sich aber ganz anders an, ob jemand von der kubanischen Küste, aus dem pulsierenden Sevilla oder einem Dorf in den Anden kommt. Diese erste sprechende Einführung in die spanische Phonetik und Phonologie lädt auf eine spannende Reise durch die Klangwelt der Hispanophonie ein. Anhand zahlreicher Sprachaufnahmen aus dem Korpusprojekt (Inter-)Fonología del Español Contemporáneo (I)FEC vermittelt sie, welche Laute das Spanische besitzt und wie diese in verschiedenen sprachlichen und außersprachlichen Umgebungen variieren.
Das Buch erklärt Variation und Wandel im theoretischen Rahmen der Kognitiven Phonologie . Damit ordnet es Varianten von Phonemen in Netzwerke um Prototypen ein, begreift diese Variation als Resultat von natürlichen Schwächungs- und Stärkungsprozessen und unterstreicht die Bedeutung von Wörtern und Wortgruppen für die Phonologie. Angepasst an die Bedürfnisse der Lernenden und (künftigen) Lehrenden geht es von der L1 Deutsch und der Orthographie des Spanischen aus und behandelt ausführlich die Aussprachedidaktik. Mit den Übungen inklusive Musterlösungen – können sich Studierende selbständig auf eine Seminar- und Abschlussarbeit im Bereich der Korpusphonologie vorbereiten.
(ESV/MD)
ESV-Redaktion Philologie
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